Gedichte von Matthias Claudius
Insgesamt 4 GedichteBei dem Grabe Anselmos
Ein Lied hinterm Ofen zu singen
Motet
Nachricht vom Genie
Bei dem Grabe Anselmos
Daß ich dich verloren habe,Daß du nicht mehr bist,
Ach! daß hier in diesem Grabe
Mein Anselmo ist,
Das ist mein Schmerz! das ist mein Schmerz!!!
Seht, wir liebten uns, wir beide,
Und, solang ich bin, kommt Freude
Niemals wieder in mein Herz.
Ein Lied hinterm Ofen zu singen
Der Winter ist ein rechter Mann,Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süß noch Sauer.
War je ein Mann gesund, ist er's;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiß nichts von Nachtschweiß noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.
Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und läßt's vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluß im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.
Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiß er sich nichts zu machen,
Haßt warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.
Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn's Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;
Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich' und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das haßt er nicht,
Denn will er sich totlachen.
Sein Schloß von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.
Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.
Motet
Der Mensch lebt und bestehetnur eine kleine Zeit;
und alle Welt vergeht
mit ihrer Herrlichkeit.
Es ist nur Einer ewig und an allen Enden,
und wir in seinen Händen.
Nachricht vom Genie
Ein Fuchs traf einen Esel an,"Herr Esel!" sprach er, "jedermann
Hält Sie für ein Genie, für einen großen Mann!"
"Das wäre!" fing der Esel an,
"Hab doch nichts Närrisches getan."
