Gedichte: Gedichte von Edgar Allen Poe

Insgesamt 3 Gedichte
Das Tal der Unrast
Ein Traum in einem Traum
Gebet


Das Tal der Unrast

Einstmals war ein stilles Tal,
Unbewohnt; mit Schild und Stahl
Zog das Volk in Kriege fort;
Hielten milde Sterne dort
Vom arzurnen Turm zur Nacht
Über all die Blumen Wacht,
Über denen jeden Tag
Rot und faul die Sonne lag.
Jetzt wird jeder Wandrer sehen
Unrast dieses Tal durchwehen,
Nichts ist da, das nicht sich regt,
Luft nur brütet unbewegt
Ob der Zauber-Einsamkeit.
Ach, kein Lüftchen weit und breit
Rührt der Bäume Blätterkleid,
Die da pulsen ohne Frieden
Gleich dem Eismeer der Hebriden.
Ach, kein Lüftchen jagt und bauscht
Das Gewölk, das ruhlos rauscht,
Rastlos rauscht von früh bis spät
Über Myriadenbeet
Blauer Veilchen, sorgenreich,
Myriaden Augen gleich,
Über Lilien, die so weich
Wehend, weinend schaun herab
Auf ein namenloses Grab!
Wehend: aus dem Duft heraus
Kommen Tropfen ewigen Taus.
Weinend: von den zarten Zweigen
Ewig Tränen niedersteigen,
Die gleich Edelsteinen schweigen.

Quelle: Edgar Allan Poes Werke Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 1



Ein Traum in einem Traum

Auf die Stirn nimm diesen Kuß!
Und da ich nun scheiden muß,
So bekenne ich zum Schluß
Dies noch: Unrecht habt ihr kaum,
Die ihr meint, ich lebte Traum;
Doch, wenn Hoffnung jäh enflohn
In Tag, in Nacht, in Vision
Oder anderm Sinn und Wort –
Ist sie darum weniger fort?
Schaun und Scheinen ist nur Schaum,
Nichts als Traum in einem Traum!

Mitten in dem Wogenbrand
Steh' ich an gequältem Strand,
Und ich halte in der Hand
Körner von dem goldnen Sand –
Wenig, dennoch ach, sie rinnen
Durch die Finger mir von hinnen –
Weinen muß ich, weinend sinnen!
Ach, kann ich nicht fester fassen,
Um sie nicht hinwegzulassen?
Ach, kann ich nicht eins in Hut
Halten vor der Woge Wut?
Ist all Schaun und Schein nur Schaum -
Nichts als Traum in einem Traum?

Quelle: Edgar Allan Poes Werke Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 1



Gebet

Am Morgen - am Mittag - im Abendlicht
Vernahmst Du, Maria, mein Lobgedicht.
In Lust und Leid - in Wonne und Weh,
Gott-Mutter, auch fernerhin mit mir geh!
Als strahlende Stunden heiter entwichen
Und keine Wolken den Himmel durchstrichen,
Führtest Du gnädig die Seele mir
Hin zu den Deinen, hin zu Dir.
Nun, da Schicksalsstürme schrecken,
Dunkel mein Heute, mein Gestern bedecken,
Laß mein Morgen strahlend scheinen
Im holden Hoffen auf Dich und die Deinen!

Quelle: Edgar Allan Poes Werke Gesamtausgabe der Dichtungen und Erzählungen, Band 1