Gedichte: Gedichte von Georg Heym

Insgesamt 2 Gedichte
Der Gott der Stadt
Die Hölle (I)


Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwelt in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.


Die Hölle (I)

Ich dachte viel der Schrecken zu erfahren,
Als ich an ihren hohen Toren stand,
Abgründe rot und Meere voller Brand
Hinter den großen Riegeln zu gewahren.

Und sah ein Land voll ausgespannter Öde.
Und Monde bleich, wie ein paar starre Tränen.
Man gab mir keinen Gruß zurück. Nur blöde
Sahn mich die Schatten an mit einem lautem Gähnen.

Die Unterwelt, sie glecht zu sehr der Erde:
Im Schlamm des Hades lag ein Krokodil.
Man warf auch hier nach seinem Kopf zum Spiel,
Vielleicht mit etwas müderer Gebärde.

Wanderer gingen in den Sonntagsröcken,
Sie sprachen von den Sorgen dieser Wochen
Und freuten sich, wenn junge Falten krochen
Aus ihrer Freunde Stirn wie Dornenhecken.

Laternen wurden durch die Nacht gschwungen,
Und eine Toten trug man an uns vorbei.
Er war im ewig Einerlei
Vor Langeweile wie ein Pilz zersprungen.


Mehr auf Amazon.de: Werke (Reclams Universal-Bibliothek)