Gedichte: Gedichte von Theodor Fontane

Insgesamt 11 Gedichte
Alles still
Das alte Lied
Die Frage bleibt
Die lieben Sterne
Glück
Herbstmorgen
Mein Herz
Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet
Rückblick
Todesahnung
Überlass es der Zeit


Alles still

Alles still! Es tanzt den Reigen
Mondenstrahl im Wald und Flur,
Und darüber thront das Schweigen
Und der Winterhimmel nur.

Alles still! Vergeblich lauschet
Man der Krähe heisrem Schrei,
Keiner Fichte Wipfel rauschet
Und kein Bächlein summt vorbei.

Alles still! Die Dorfes-Hütten
Sind wie Gräber anzusehen,
Die, von Schnee bedeckt, inmitten
Eines weiten Friedhofs stehn.

Alles still! Nichts hör ich klopfen
Als mein Herz durch die Nacht; -
Heiße Tränen niedertropfen
Auf die kalte Winterpracht.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20



Das alte Lied

Es sang wie vor vielen tausend Jahren
Die Nachtigall wie heute schon,
Von Jahr zu Jahre - neue Scharen,
Von Jahr zu Jahr - der alte Ton.

Das alte Lied! Auf allen Zweigen
Tönt´s ewig schön den Wald entlang,
Und doch - der Dichter soll verschweigen,
Was vor ihm schon ein andrer sang.

Was schiert´s die Welt, ob tiefempfunden
Sein altes Lied, ob´s wahr, ob´s treu;
Sie fragt: "Ist´s leidlich gut erfunden?"
Und fragt vor allem: "Ob es neu?"

Weh Abendrot, daß du mich wieder
Zu einem alten Sange zwingst,
Du Purpurträger, der du Lieder
Von je als Huld´gungseid empfingst.

Du Bild von einem Königsohne,
Der, in sich selber stark und fest,
Die strahlenreiche, goldne Krone,
Als wär´s ein Spielzeug, sinken läßt.


Die Frage bleibt

Halte dich still, halte dich stumm,
Nur nicht forschen, warum? warum?
Nur nicht bittre Fragen tauschen,
Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen.
Wie's dich auch aufzuhorchen treibt,
Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20





Die lieben Sterne

Auf des Hauses niedrer Schwelle
Saß ich Wehmut in der Brust,
Sah hinauf zur Sternenhelle, -
Da ergrif mit banger Lust
Sehnsucht mich nach jenen Sternen,
Die, im mildverklärten Schein,
Hoch aus weiten Himmelsfernen
Unsrem Herzen Trost verleihn.

Aber ach, trotz allen Strebens
Nach dem ew´gen Himmelszelt,
War mein Sehnen doch vergebens,
Denn ich blieb der Erdenwelt.
Soll mir nie der Zutritt werden,
Rief ich nun gar traurig aus,
O, schickt herab auf Erden
Einen Stern aus eurem Haus.

Und die lieben, guten Sterne
Haben mich nicht ausgelacht,
Haben trotz der weitern Ferne
Ihres armen Freunds gedacht.
Denn sie weigerten die Bitte
Mir dem einst Verschmähten nicht
Und gesandt aus ihrer Mitte
Strahlten sie ein zweifach Doppellicht.

Ach, es strahlt mir, voller Wahrheit;
Treue Liebe; Glaube, Hoffen;
Meines Sternbilds Sonnenklarheit
Hat wie Zauber mich getroffen.
Teures Bild verleile lange
Fern vom heimatlichen Zelt,
Leuchte mir noch auf dem Gange,
Der mich führt in deine Welt.


Glück

Sonntagsruhe, Dorfesstille,
Kind und Knecht und Magd sind aus,
Unterm Herde nur die Grille
Musizieret durch das Haus.

Tür und Fenster blieben offen,
Denn es schweigen Luft und Wind,
In uns schweigen Wunsch und Hoffen,
Weil wir ganz im Glücke sind.

Felder rings - ein Gottessegen
Hügel auf- und niederwärts,
Und auf stillen Gnadenwegen
Stieg auch uns er in das Herz.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20



Herbstmorgen

Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,
Den Mond still - abwärts zu geleiten;
Der Wind durchfegt die starren Äste,
Und sucht ein Blatt aus beßren Zeiten.

Schon flattern in der Luft die Raben,
Des Winters unheilvolle Boten;
Bald wird er tief in Schnee begraben
Die Erde, seinen großen Toten.

Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,
Es bangt ihn vor des Eises Ketten;
Drum stürzt er fort und sucht das Weite,
Als könnt' ihm Flucht das Leben retten.

Da mocht' ich länger nicht inmitten
So todesnaher Öde weilen;
Es trieb mich fort, mit hast'gen Schritten
Dem flücht'gen Bache nachzueilen.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20



Mein Herz

Der stolzen Sonne, heiß und glühend,
Dem stillen Monde, trüb und bleich,
- Sehnsüchtig tausend Sterne sprühend -
Mein Herz, mein Herz ist beiden gleich.

Dem Himmel, klar und rein und blauend,
Der Wolke - jetzt gewitterreich
Und jetzt in Tränen niedertauend -
Mein Herz, mein Herz ist beiden gleich.

Der Nachtigall voll frischer Lieder,
Der Rose - blüten- dornenreich,
Dem Frühling und dem Winter wieder,
Mein Herz, es ist dem allen gleich.

Nur einem gleicht es nicht auf Erden:
Nie will in seinem kleinen Reich
Der langersehnte Frieden werden,
Drum ist es nie sich selber gleich.


Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet

Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet,
Es glüht in ihm so heiß wie je,
Und was ihr drin für Winter haltet,
Ist Schein nur, ist gemalter Schnee.

Doch, was in alter Lieb' ich fühle,
Verschließ ich jetzt in tiefstem Sinn,
Und trag's nicht fürder ins Gewühle
Der ewig kalten Menschen hin.

Ich bin wie Wein, der ausgegoren:
Er schäumt nicht länger hin und her,
Doch was nach außen er verloren,
Hat er an innrem Feuer mehr.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20



Rückblick

Es geht zu End', und ich blicke zurück.
Wie war mein Leben? wie war mein Glück?

Ich saß und machte meine Schuh;
Unter Lob und Tadel sah man mir zu.

"Du dichtest, das ist das Wichtigste ..."
"Du dichtest, das ist das Nichtigste."

"Wenn Dichtung uns nicht zum Himmel trüge ..."
"Phantastereien, Unsinn, Lüge!"

"Göttlicher Funke, Prometheusfeuer ..."
"Zirpende Grille, leere Scheuer!"

Von hundert geliebt, von tausend mißacht't,
So hab' ich meine Tage verbracht.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20



Todesahnung

Einsam wandre ich bei Nacht;
Höre Trauermelodien
Durch die Eichengipfel ziehen,
Sanft vom Winde angefacht.

Weh, die düstren Klagelieder
Dringen tief zu meinem Herzen,
Wecken mir die alten Schmerzen
Und die alten Klagen wieder.

Winde, wehet! Winde weht!
Alte Eichen, klaget, klaget! -
Bald, mein Herz, drum unverzaget,
All dein Leid zu Grabe geht.


Überlass es der Zeit

Erscheint dir etwas unerhört,
bist du tiefsten Herzens empört,
bäume nicht auf, versuch's nicht mit Streit,
berühr es nicht, überlaß es der Zeit.

Am ersten Tag wirst du feige dich schelten,
am zweiten läßt du dein Schweigen schon gelten,
am dritten hast du's überwunden;
alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Quelle: Sämtliche Werke. Bd. 1-25, Band 20